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Wandelbare Zeit

Das Leben ist ein langer Wartesaal

 

Warten. Immer wieder gibt es Momente im Leben, in denen Menschen warten und in denen die Welt ringsum stillzustehen scheint, weil das, worauf diese Menschen warten, für sie eine ungeheure Bedeutung hat und vielleicht auch darüber entscheidet, welchen Verlauf ihr weiteres Leben nehmen wird. Dorle und Rainer Schüle aus Sipplingen warten auf das Knochenmark, das ihrem leukämiekranken Sohn, dem sechsjährigen Liron, verabreicht werden soll und ohne das er sterben wird – weil die Leukozyten in seinem Blut so weit abgesenkt sind, dass er ohne das fremde Knochenmark nicht mehr überleben könnte. Die Markdorferin Sabine D. wartet auf die Polizei, die ihr sagen wird, dass es wirklich ihre Tochter war, die bei dem schweren Autounglück ums Leben kam. Die in Sipplingen lebende Elisabeth Hübl wartet darauf, dass es Montag wird und die Arztpraxis öffnet. Denn am Freitagabend hat sie einen Knoten in ihrer Brust getastet. Marianne J. (Name geändert) aus Salem wartet auf ihre Periode. Sie ist fremdgegangen und hat Angst, von ihrem One-Night-Stand schwanger zu sein. Die Überlingerin Karla K. (Name geändert) wartet auf den Anruf ihrer großen Liebe. Ingo Wittke, ebenfalls aus Überlingen, wartet auf ein Jobangebot. Und der alte Franz Berg, der im Sipplinger Seniorenzentrum „Haus Silberdistel“ lebt, wartet auf den Tod. Denn, fragt er, worauf sollte man in seinem Alter denn sonst warten? Die Wartenden beschreiben, wie sehr die Zeit sich während des Wartens verändert. Wie die Welt ringsherum stehen zu bleiben scheint. Warten ist oft lähmend, alles richtet sich auf den Moment aus, in dem endlich die Erlösung kommt. Für Franz Berg wird sie in ihrer endgültigsten Form kommen – mit dem Tod, wenn der alte Mann endlich für immer seine Augen schließen darf. Freude am Leben empfindet er nicht mehr, wenn er morgens aufwacht, dann wartet er darauf, dass es Abend wird und er denkt: Wieder ein Tag geschafft. Einer der für ihn so vielen Tage, die zwischen ihm und dem Moment stehen, an dem auf dem Friedhof liegen darf, nach dem er sich so sehnt. Für Sabine D. und ihren Mann bringt das Ende des Wartens eine Gewissheit, eine grausame Gewissheit, die den letzten Tropfen Hoffnung zerstört, dass die Tochter noch leben könnte. Obwohl die Eltern doch eigentlich schon wussten, dass das einzige Kind tot sein muss. Weil sie über das Internet recherchiert haben, dass es drei Verletzte und einen Toten gab, bei dem Unfall, von dem sie inzwischen wissen, dass ihre Tochter daran beteiligt war. Bei ihrer verzweifelten Suche in den Krankenhäusern finden sie ein Unfallopfer nach dem anderen, alle drei Freundinnen, mit denen die Tochter zusammen im Auto gesessen hatte. Nur ihre Tochter finden sie nicht. Und so stellt sich Sabine D. ans Küchenfenster und wartet auf die Polizei. „Als sie kamen, mussten sie nicht einmal klingeln.“

Für Sabine D. und ihren Mann kommt mit dem Ende des Wartens also nicht die Erlösung, sondern es beginnt die schlimmste Zeit ihres Lebens: Eine Zeit, ohne ihr Kind, die sie irgendwie überstehen. Nein, nicht irgendwie. Sondern dadurch, dass sie ihre verstorbene Tochter für eine Nacht zu sich ins Haus holen und an ihrem Bett wachen. In jener Nacht, sagt Sabine D., sei bei ihr die Gewissheit gewachsen, dass der Tod nicht allmächtig ist. Dass er unfähig ist, die innige Verbundenheit zwischen ihr und ihrer Tochter zu beenden. 

Für Rainer und Dorle Schüle und ihren Sohn Liron beginnt mit dem Ende des Wartens gewissermaßen zum zweiten Mal das Leben. Und als das Knochenmark der Spenderin, das aus Hamburg eingeflogen wird, endlich da ist, der Arzt den Beutel befestigt und das Knochenmark auf Lirons kleinen Körper zufließt, sagt Dorle Schüle: „Das ist sein Geburtstag.“ In der Tat: Liron wird leben, auch drei Jahre nach der Transplantation ist er noch gesund. Und dennoch quält das Wartenmüssen die Schüles immer und immer wieder. Warten darauf, dass das Knochenmark angenommen wird. Warten auf den Tag 100 nach der Transplantation, der als wichtige Schwelle gilt. Angstvolles Warten darauf, ob der Krebs nicht doch wiederkehren wird. Aber auch diesem Warten wird etwas entgegengesetzt: Die große Freude an jedem Tag, an dem es Liron gut geht. So, wie jeder Tag, der vergeht, den alten Franz Berg dem ersehnten Tod näher bringt, so macht der kleine Liron mit jedem Tag der vergeht, einen weiteren Schritt ins Leben. Nach fünf Jahren wird er als geheilt gelten. Leben wird auch Elisabeth Hübl, aber für sie beginnt am Montagmorgen, am Ende des Wartens, ein harter Kampf. Der Arzt bestätigt ihr, dass sie Brustkrebs hat. Doch trotz Chemo und Bestrahlungen übersteht Elisabeth Hübl die Zeit einigermaßen gut  - auch dank des starken familiären Rückhalts und ihres unerschütterlichen Optimismus. Elisabeth Hübl schafft es und sie wird zunächst wieder gesund, doch das Warten hat für sie dennoch kein Ende. Immer und immer wieder muss sie den Zustand des Wartens von Neuem ertragen, denn man diagnostiziert nun Blasenkrebs, der ständig wiederkehrt. Jede Minute des Wartens auf eine Diagnose ist qualvoll für sie. Aber mit jedem Warten wächst auch die Gelassenheit: Sie hat gelernt mit ihren Krankheiten umzugehen. „Mein Körper besitzt die Fähigkeit, sich sofort zu regenerieren, das ist großartig, ein Wunder jedesmal.“ Damit, meint sie, könne sie glücklich sein. Und glücklich kann wirklich sein, wer es schafft, dem Krebs etwas entgegenzusetzen: Für eine junge Frau, Mitte 30, Mutter zweier Kinder und an Brustkrebs erkankt, bekommt das Warten einen ganz dramatischen Beigeschmack. Sie weiß, dass sie auf den Tod warten muss. Sie weiß, dass sie den nächsten Geburtstag ihres kleinen Jungen nicht mehr erleben wird. Nachts sitzt sie weinend am Bett ihrer Kinder und und es zerreißt ihr schier das Herz. Wie soll das denn gehen, wie kann sie ihre Kinder auf dieser Welt zurücklassen? Und wieder das Warten, das eine ganz andere Dimension bekommt. Das Warten, das sind die letzten, die kostbaren Stunden, die sie mit ihren Kindern hat. Das ist das, was sie ihnen noch mitgeben kann, als ein letztes, ein allerletztes Geschenk. Die junge Frau ist inzwischen gestorben und ihre Kinder blieben als Halbwaisen zurück. 

Banal scheinen angesichts derartiger Schicksale das Warten auf eine Periode und das Warten auf den Anruf der großen Liebe. Auch das Warten auf einen Job, obwohl dieser doch ganz elementar ist, um das Leben meistern und finanzieren zu können, scheint im Vergleich belanglos. Fast gar schämen sich die Menschen, ihre Wartensmomente zu erzählen, als sie hören, um was es in diesem Artikel noch gehen soll. Und doch ist das, worauf sie warten, für diese Menschen alles andere als banal. Dem Sprichwort „Der Mensch erträgt immer soviel wie das, was das Leben an ihm an Aufgaben stellt“, wohnt eine tiefe Wahrheit inne. Liebeskummer kann sehr weh tun und die Frage, ob man wieder einen Job bekommt, ob man die Familie ernähren, das Haus halten kann, treibt einen um. All das, das steht außer Frage und das betonen diese Wartenden auch, ist natürlich lang nicht so schlimm, wie das Warten auf eine Diagnose, auf eine Todesnachricht, auf die Erleichterung, dass der kleine Körper des Sohnes das Knochenmark annimmt. Aber dennoch verändert es den Alltag und das Leben. 

Das Warten beginnt in Ingo Wittkes Fall schon vor der Arbeitslosigkeit. Er ist Leitender Angestellter und in dieser Position, sagt er, ist die „Chemie“ zwischen ihm und dem Inhaber entscheidend. Merke man in der Probezeit, dass es nicht passt, und das war bei ihm der Fall, beginne das Warten auf die Kündigung  - und das Umsehen nach einem neuen Job. Als Versager, sagt Ingo Wittke, habe er sich aber nie gefühlt. Die Kündigungen, derer es zwei gab, führten immer dazu, dass er sich selbst hinterfragte und an sich arbeitete. Ingo Wittke begreift das Warten also als Chance. Aber dennoch sind da die Existenzsorgen. „Das Arbeitslosengeld reicht nicht aus, um die Fixkosten zu decken. Ich habe für den Fall vorgesorgt und eine finanzielle Reserve aufgebaut. Aber natürlich ist auch diese irgendwann aufgebraucht.“ Im Dezember 2012 hat das Warten für Ingo Wittke aber ein Ende, seither hat er einen neuen Job. Und ein anderes Warten beginnt: Das Warten auf die Erkenntnis, ob die Chemie mit dem Inhaber diesmal stimmen wird. Auch für Marianne J. hat das Warten ein Ende. Die ersehnte Periode ist gekommen und sie kleinlaut in die Arme ihres Mannes zurückgekehrt. „Mir ist durch diese Zeit des Wartens klar geworden, dass ich ihn nicht verlieren möchte“, sagt sie. Stress, ein aneinander gewöhnt sein, der Verlust des Prickelns in der Beziehung und dann noch ein handfester Streit hatten dazu geführt, dass Marianne J. sich auf eine Affäre einließ. „Es war nur eine Nacht und der größte Fehler meines Lebens“, sagt sie. „Ich will meine Kraft nun lieber darauf verwenden, mehr Schwung in meine Beziehung zu bringen.“

Für Karla K. allerdings hat das Warten noch kein Ende. Er hat immer noch nicht angerufen und auch auf SMS und Mails nicht reagiert. Zwei Monate wartet sie nun schon und sie hat längst begriffen, dass er sich wohl nie mehr melden wird. Aber das ändert nichts daran, dass sie immer noch wartet. Das kann sie nicht abstellen. Ein Warten, dem kein konkretes Ende gesetzt wird, lebt wohl immer irgendwie weiter. So lange, bis der oder die Wartende damit abgeschlossen hat. So lange wird sich die Zeit dehnen und zeigen, dass sie ihren eigenen Rhythmus hat. Und dass sie für Wartende besonders langsam vergeht.

 

Erschienen im SÜDKURIER am 4.4.2013.

Psychologin Birgit Hermstein über das Warten

Frau Hermstein, wenn man wartet, kommt einem die Zeit länger vor – das Zeitgefühl verändert sich also. Warum?

Verbringt man die Zeit in Passivität, zum Beispiel in einem Wartezimmer, und lenkt die Aufmerksamkeit dabei auf das Verstreichen der Zeit, wird das in der Regel als eine Zeitdehnung erlebt. Daraus erklärt sich auch, warum das Lesen von Zeitschriften in Wartezimmern beliebt ist: Indem man sein Gehirn mit einer Reizsituation, also zum Beispiel einer Zeitung konfrontiert, empfindet man die Zeit komprimiert.

 

Kann langes Warten in Angst – zum Beispiel auf eine Diagnose -  einen Menschen verändern?

Wenn das Warten mit existentiellen Erlebnissen verbunden ist – zum Beispiel dem Warten auf die Rückkehr eines geliebten Menschen oder auch auf eine Diagnose, dann kann dieses Erlebnis eine Veränderung im Menschen auslösen.

 

In welche Richtung sich dieser Mensch dann entwickelt, ob er daran reift oder zerbricht, ist sicherlich individuell, oder?

Das hängt sehr von den individuellen Erfahrungen und Fähigkeiten ab, aber auch von Persönlichkeitsfaktoren wie Ängstlichkeit und Selbstbewusstsein. So wird ein Mensch, der bisher keine existentiell bedrohlichen Erfahrungen gemacht hat und in dem Gefühl lebt, sein Leben im Griff zu haben, der Herausforderungen mutig angenommen und erfolgreich bewältig hat, diese Situation anders durchleben wie jemand, der schon viele Schicksalsschläge erfahren hat, dadurch oftmals Situationen ohnmächtig ertragen musste und eine ängstliche psychische Konstitution hat.

 

Oft ist Angst ja mit Hoffnung verbunden – auf die Rückkehr des geliebten Menschen, auf eine gute Diagnose. Was ist aber, wenn die Hoffnung zerbricht? Wie fühlt sich dieser Moment an?

Durch die Beendigung der Ungewissheit kann eine Entlastung eintreten, da die Ungewissheit oft sehr quälend erlebt wird. Die Gedanken schwanken zwischen der Hoffnung auf ein gutes Ende, auf das man doch nicht zu Hoffen wagt und dem befürchteten Ausgang. Dadurch stagniert man in der Verarbeitung der Situation. Die Gedanken können schwerer auf den Alltag und andere Themen gelenkt werden. Die Aufmerksamkeit bleibt stärker an dem quälenden Thema verhaftet, wodurch es oft als noch belastender wahrgenommen wird.  Die Gewissheit über einen negativen Ausgang bedeutet dann, in der Verarbeitung der Situation weiter gehen zu können. Etwa einen Trauerprozess durchleben zu können.

 

Wie kann man Wartende unterstützen?

Wenn es um existenzielle Dinge wie Leben und Tod geht, kann es für den Wartenden entlastend sein, ein Gegenüber zu haben, das mitfühlend zuhört, ohne gleich Antworten zu haben. Das kann auch helfen, das Gedankenknäul im Kopf zu entwirren und selbst, oder mit Unterstützung, Zugang zu hilfreichen Strategien zu finden, die früher im Leben schon einmal erfolgreich angewandt wurden. Manchmal gibt es keine echten konkreten Lösungen in derartigen Belastungssituationen, dennoch wird es in der Regel als Entlastung empfunden, diese Last mit jemandem teilen zu können.

 

Kann man Warten lernen?

Der Umgang mit dem Warten hängt stark von den Erfahrungen ab, die man damit gemacht hat. So ist es für jemanden, der es gewohnt ist, vier Tage auf die Verbindung für ein Ferngespräch zu warten, kein Problem. Für jemanden aus einem hoch industrialisierten Land wäre das wohl kaum zu ertragen. 

 

Warten ist ja gewissermaßen auch ein Prozess der Vorbereitung auf das Kommende. Wie kann man diesen Prozess nutzen?

Die Zeit des Wartens kann man zum Beispiel dafür nutzen, verschiedene und möglichst realistische Szenarien zu entwickeln, was auf einen zukommen könnte. Indem man diese Vorstellung konkret werden lässt, werden die damit verbundenen Probleme greifbarer und stehen nicht mehr als diffuses Schreckgespenst vor einem. Es ist dann möglich eine Entlastung verspüren, wenn ich mir bewusst werde, dass ich Fähigkeiten habe, mit dem Kommenden umzugehen. Natürlich kann es auch passieren, dass mich dass Szenario erschreckt und überfordert. Dennoch kann ich mich dann auf eine schwere Situation vorbereiten.

 

Warum fällt uns das Warten so schwer?

Der Alltag bietet vielfältige Möglichkeiten, sich in Wartesituationen abzulenken. An vielen Orten, an denen mit Wartezeiten zu rechnen ist, bieten Bildschirme Unterhaltung. Viele Menschen bereiten sich auf Wartezeiten mit eigenen Unterhaltungsmedien vor. Zudem gibt es keine Kultur dafür, Zeit in Passivität und „nur“ mit Warten zu verbringen. Wir haben wenig Übung darin und betrachten das Warten per se als negativ.

 

Wie kann man Kindern Geduld beibringen und hilft das später in einer Situation des Wartens?

Kinder brauchen Gelegenheiten, in denen sie das Warten lernen und üben können. Kindern, die es gewohnt sind ständig Reizen, zum Beispiel Medien, ausgesetzt zu sein, wird es deutlich schwerer fallen, eine reizarme Situation wie das Warten zu ertragen. Diese Erfahrungen werden sich auch im Erwachsenenalter auswirken.

Fragen: Eva-Maria Bast

 

Erschienen im SÜDKURIER am 4.4.2013. 

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