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Flugzeugabsturz

Ein Licht für jeden, der sein Leben ließ

Am leicht bewölkten Himmel brummt ein Flugzeug. Die Menschen, die sich am Waldrand von Brachenreuthe versammelt haben, heben den Blick. Es ist der 1. Juli 2012. Sonntagabend, etwa 23.30 Uhr. Vor zehn Jahren sind an diesem, damals sternenklaren, Himmel zwei Flugzeuge zusammengestoßen. Das war um 23.35 Uhr und 32 Sekunden. Als die Unglücksminute zehn Jahre später anbricht, ist die Gedenkfeier bei Brachenreuthe gerade vorbei. Jetzt schaut auch Markus Wuermeling, Mitglied des Freundeskreises „Brücke nach Ufa“ und damals als THW-Helfer im Einsatz, nach oben und sieht dort einen fast runden Mond stehen. Es ist schön, sagt er, dass der Mond in jener Unglücksminute am Himmel scheint. 

Unten auf dem Boden, inmitten des Bereichs, in dem die Wrackteile des russischen Flugzeuges gefunden wurden und in dem die Leichen der Opfer lagen, leuchten 71 Lichter. Ein Licht für jeden, der sein Leben ließ, in jener Nacht. Schüler zünden die Kerzen an, als die Namen der Toten verlesen werden. Darunter auch die von 45 Kindern, die auf dem Weg in die Ferien waren.  

Ganz still sitzen die Angehörigen. Eine Frau schiebt die Hand in die ihrer Nachbarin. Eine andere legt den Arm um ihre Freundin. Manche erheben sich von ihren Stühlen. Bleierne Stille? Nein. Und auch kein verzweifeltes Weinen wie bei der Gedenkfeier ein Jahr nach dem Absturz. Heute piepsen Handys während der Feier. Wieder und immer wieder. Die Baschkiren scheinen sich nicht daran zu stören. Nur einige Deutsche schütteln den Kopf und eine Frau flüstert: „Unglaublich.“ Aber für die Angehörigen, erklärt Markus Wuermeling, ist die Trauer ein Teil ihres Alltags geworden. Und zum Alltag gehören auch Handys. 

Die offiziellen Besucher und viele  Überlinger kommen in Schwarz, der Farbe der Trauer und des Mitgefühls.  Radik Garifulin ist einer der Väter, die bei dem Absturz ihr Kind verloren haben. Er kommt im roten Trainingsanzug. Markus Wuermeling findet das schlüssig. Für Garifulin ist das kein offizieller Akt sondern ein sehr persönlicher Moment inmitten von Menschen, die nach dem Unglück für ihn da waren. Sulfat Chammatov sagt: „Wir sind hier hergekommen, um unsere Herzen und Seelen zu trösten.“ Auch er hat beim Absturz sein Kind verloren.

Der Ort des Schreckens hat sich in einen Ort verwandelt, an dem es Trost gibt. Und ganz zu Beginn ihres Aufenthalts am Bodensee zum zehnten Jahrestag gehen die Baschkiren zu den Stellen, an denen ihre Angehörigen aufgefunden wurden. Mit Pfählen sind diese Stellen markiert. In Feldern und in Obstplantagen. Manche beten, manche legen Blumen nieder. 

Unter den Angehörigen ist auch Witali Kalojew. Seine Frau und seine beiden Kinder hat er beim Absturz verloren und zwei Jahre später den Fluglotsen ermordet, der in der Unglücksnacht Dienst hatte. Bei der Gedenkfeier hält Kalojew sich etwas abseits. Seine Anwesenheit, meint Baden-Württembergs Minister für internationale Angelegenheiten, Peter Friedrich, werfe einen Schatten auf die Gedenkfeier. Aber Kalojew sagt dem russischen staatlichen Radiosender Golos Rossii, dass er doch nur den Ort des Absturzes besuchen wollte. Den Ort, wo seine Frau und seine Kinder gestorben sind. Dass er Blumen niederlegen und sich mit denjenigen Leuten treffen wollte, die ihm in den Tagen der Tragödie geholfen haben.

Die Anteilnahme der Überlinger ist noch immer riesig. „Wer hier das Wort ergreift spricht mit wundem Herzen“, sagt Oberbürgermeisterin Sabine Becker mit einer Stimme, die ein klein wenig schwankt. Etwas abseits steht eine Frau, eine Deutsche, mit gesenktem Kopf, weinend. Ein Polizist der zur Gedenkfeier kommen wollte bleibt fort, weil er mit seinen Erinnerungen nicht klar kommt. Für wieder andere ist der Alltag lang zurückgekehrt. Drunten in der Stadt feiert man Gassenfest. Mancher linst auf seinem Handy nach den Ergebnissen des Endspiels der Fußball-Europameisterschaft. 

Die Zeit geht weiter, sagt Volkmar Weber, der Oberbürgermeister war, als sich das Unglück ereignete. Weber sagt auch, dass das Ereignisse sind, die nie aus dem Leben verschwinden. Und dass die Bilder in ihm wieder hochkommen, wenn die Namen der Verstorbenen verlesen werden. Bilder von denen keiner mehr sprechen will. Man muss sie nicht benennen. Sie haben sich eingebrannt. 

Andere Dinge sind inzwischen geschehen, die eine Bejahung des Lebens fordern. Geschwister und Cousins der Verstorbenen sind geboren worden. Ganz vorne sitzen sie und sie halten Rosen in ihren Händen. Manche sind jünger als zehn Jahre.  Nie haben sie ihre älteren Brüder und Schwestern, ihre Cousins und Cousinen kennen gelernt. Aber Sulfat Chammatov sagt, dass man die Erinnerung auch an die nachfolgende Generation weitergeben muss. Und dass er hofft, dass auch die Überlinger das tun werden. 

 

Erschienen im SÜDKURIER am 3.7.2012

Die Erinnerung ist schmerzhaft

 

 

Es sind die Bilder, die bleiben. Bilder, die auch nach zehn Jahren nicht verblassen. Bilder von Flugzeugteilen in einem Feld. Von 71 Leichen in einem Stollen. Von einem kleinen Mädchen, das wie ein Engel vom Himmel schwebte. Von Menschen, die ganz grau sind vor Leid: Am 1. Juli jährt sich der Flugzeugabsturz über Überlingen zum zehnten Mal.

 

„Das Leid hat keine Nationalität“, schrieben die Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes an die Überlinger Bevölkerung, als sie ihnen für ihr tiefes Mitgefühl dankten. Zehn Jahre ist dieses Schreiben nun alt. Zehn Jahre ist es her, dass die Angehörigen aus Baschkortostan am Bodensee eintrafen. Ludmila Petrowskaja von der staatlichen Nachrichtenagentur der Republik Baschkortostan schrieb damals: „Es steigt das Gefühl eines Albtraumes auf. Dieses kann nicht die Wirklichkeit sein, das sind nicht wir, das ist nicht unser Flugzeug, unsere Kinder sind nicht hier verunglückt... Die Angehörigen schreiten langsam in einer dem Schlimmsten geweihten Trauerkolonne…“ Sie berichtete von einer Mutter, die sich mit  ausgebreiteten Armen auf ein verbeultes, verzogenes Rohr warf und nach ihrem Kindchen rief: „Die Worte versinken im Schluchzen und es ist keine Kraft mehr da, dieses Leid zu ertragen. Alle weinen. Aber das ist kein Weinen, es ist ein seelenzerreißender, gemeinsamer Aufschrei gen Himmel.“

Wer glaubt, ein Jahr später habe sich das Leid gemildert, irrt. Angehörige gehen mit Überlingern und Owingern einen langen Trauermarsch. Sie gehen an den Feldern vorbei, in denen die Leichen gefunden wurden. Es schluchzen starke Männer, es sinken Frauen auf die Knie, berühren den Boden, graben ihre Hände in die Erde, die ihre Kinder vor einem Jahr aufnahm. Als hofften sie, einen Teil ihrer Kinder in dieser badischen Erde, in diesen friedlichen Feldern, wiederzufinden. Manche nehmen Erde mit oder brechen sich Ähren von den Feldern. Wie schon im Jahr zuvor. Dann die Andacht auf dem Hügel. Fackeln werden angezündet und die Namen verlesen. Jeder Name ein Tod, ein entsetzliches Leid. Eine Frau beginnt zu schreien. Es ist ein Schrei, der durch Mark und Bein fährt, der Herzen bluten lässt. Ein Mann blickt auf den nächtlichen See über dem das Flugzeug in dem sein Kind saß mit einem anderen zusammenstieß. Ganz still steht er da, Tränen laufen ihm über die Wangen, während seine Frau ihn von hinten umschlugen hält. Auch viele Überlinger weinen, Tränen sind normal in jener Nacht, man schämt sich ihrer nicht. Sie schimmern im Licht der Kerzen, die die Helfer in den Händen halten. „Sie sind diejenigen, die unsere Kinder und Angehörigen empfangen haben, als sie als reine Engel auf unsere gesegnete Erde heruntergestiegen sind“, schrieben die Russen an die Überlinger. Das Bild eines Engels, einer kleinen Feder, die zur Erde geschwebt ist, ist auch eines, das sich dem Polizisten Peter Köstlinger eingebrannt hat. Er war einer derjenigen, die die Leichen registrieren mussten. Die Leichen wurden in den Goldbacher Stollen gebracht, der Kühlung bot. Einen Stollen, den Zwangsarbeiter, unter ihnen auch Russen, im Dritten Reich bauen mussten. Peter Köstlinger bekam es nie aus seinem Kopf, das Bild der Leichen, die aufgereiht im Stollen lagen. Es verfolgte ihn in seinen Träumen, auch ein erneuter Besuch im leeren Stollen half nicht. Er konnte es nicht vergessen und bat um Versetzung. Heute arbeitet Köstlinger in der Prävention. Doch da ist noch ein anderes Bild, eines, das fast noch schlimmer ist. Es ist das Bild eines kleinen, dunkelhaarigen Mädchens im weißen Kleid. „Viele der Opfer waren bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Aber dieses kleine Mädchen hatte nichts. Es lief ihm nur ein dünnes Blutrinnsal aus der Nase“, sagt Köstlinger sehr leise. Es war die Tochter des Mannes, der als erster am Unglücksort eintraf. Der Mann, der auch seine Frau und seinen Sohn verlor, der Mann, der später den Fluglotsen ermordete. Peter Köstlinger trägt das Bild dieses kleinen Mädchens noch heute in sich. Und am Sonntag wird er zur Gedenkfeier gehen. Zum ersten Mal nach zehn Jahren. Vorher konnte er es nicht. Auch Christian Gorber wird kommen. Er war damals als Feuerwehrmann als einer der ersten am Unfallort und auch Augenzeuge des Absturzes. Er erzählt von dem Donner der erklang, als die Flugzeuge zusammenstießen. Und er beschreibt, wie die brennenden Flugzeugteile in kreisenden Bewegungen vom Himmel fielen. Christian Gorbers Kopf ist voller Bilder, wenn er an jene Nacht denkt. Er sieht das Feuer bei Aufkirch, wo eine Tragfläche brannte. Das Haus bei Owingen, neben dem ein Flügel herabfiel. Er sieht die abgebrannte Markise und kann es immer noch kaum fassen, dass das Haus nicht Feuer gefangen hat. Er sieht das Heckleitwerk auf dem Feld. Er erzählt vom Bilden der Suchkette. Von der Hoffnung, Überlebende zu finden. Vom Sterben der Hoffnung. „Ich habe da nicht wirklich Worte dafür, wie es damals war. Ungläubiges Entsetzen trifft es wohl am Ehesten.“

Ungläubiges Entsetzen, das war es auch, was die Überlinger und die Owinger empfanden, in jener Nacht und den Tagen danach. Fassungslos waren die Menschen und voller Demut weil kein einziger von ihnen verletzt oder gar getötet worden war. Doch das Mitgefühl, das war ungeheuer. Es liefen die Menschen auf den Straßen zusammen, lagen sich in den Armen, weinten, legten Blumen nieder. Antworteten auf Fragen von Journalisten und Katastrophen-Touristen die wissen wollten: „Waren sie dabei? Haben Sie es gesehen?“ Die Überlinger entwickelten ein feines Gefühl, in jenen Tagen. Dafür, ob das Gegenüber aus purer Sensationslust fragte, oder aus echter Bewegtheit. Manche fragten mit gierigem Blick, mit halboffenem Mund kaugummikauend. Andere fragten mit zitternden Lippen und Augen, in denen sich Tränen bildeten.

 „Wir waren so ohnmächtig, es erschien uns so sinnlos“ erinnert sich Christian Gorber. „Doch es war ein Pfarrer vor Ort der sagte: ´Es ist nicht sinnlos, was ihr tut. Es gibt den Opfern ihre Würde zurück.’“ Im Jahr darauf flog Christian Gorber nach Baschkortostan und besuchte das Gräberfeld. „Mir war es wichtig, die Bilder des Gräberfeldes denen jener Nacht gegenüberstellen zu können. Da wusste ich, dass unsere Arbeit doch einen Sinn gehabt hatte.“

 

Kasten:

Beim Flugzeugabsturz über Überlingen am 1. Juli 2002 starben 71 Menschen, davon 49 Kinder. Um 23:35:32 Uhr kollidierten eine russische Passagiermaschine und eine Frachtmaschine in etwa 10.630 Meter Flughöhe. Die Trümmer der Maschinen verbreiteten sich auf Überlinger und Owinger Gebiet. Da die Wrackteile in Wald und Felder stürzten, wurde am Boden niemand verletzt. Minuten nach dem Absturz waren erste Helfer vor Ort. Bis zum 8. Juli dauerten die Bergungsarbeiten, bei denen mehrere hundert Helfer der unterschiedlichsten Hilfseinrichtungen im Einsatz waren.

2004 gab es im Zusammenhang mit der Flugzeugkatastrophe einen weiteren Toten: Der damalige diensthabende Fluglotse wurde von einem Angehörigen der Opfer ermordet.

www.bruecke-nach-ufa.de

 

Erschienen im Staatsanzeiger für Baden-Württemberg am 29.6.2012

 

 

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