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Hinter Gittern

Leben mit der großen Schuld

Als sich die Gefängnistüre hinter ihm schloss, wollte Hermann Z. (Name geändert) aus dem Kreis Konstanz sich das Leben nehmen. Die Mischung aus Scham über seine Straftat, Angst vor den Mitgefangenen und der Vorstellung, sechs Jahre und zehn Monate hinter Gittern aushalten zu müssen, setzte dem damals 40-jährigen, schwer zu. „Ich habe den Suizid im Kopf oft durchgespielt“, sagt der jung wirkende Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs seiner 14-Jährigen Stieftochter inhaftiert wurde heute, nach drei Jahren Haft. Umsetzen konnte er seine Gedanken deshalb nicht, weil die Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Frankenthal seine Instabilität bemerkten und ihn in die Einzelüberwachung sperrten. In Einzelüberwachungszimmern gibt es keine harten oder scharfen Gegenstände, häufig werden den Gefangenen bis auf eine papierne Unterhose auch die Kleider ausgezogen, damit sie sich nicht an ihnen aufknüpfen können. „24 Stunden brannte Licht“, sagt Hermann Z. „Und alle 15 Minuten hat jemand durch die Klappe geschaut, ob ich noch lebe.“ Suizidgedanken, erklärt Gefängnispsychologin Jurgita Kemezaite von der Justizvollzugsanstalt Offenburg, in die Hermann Z. vor einem Jahr wechselte, kämen bei Inhaftierten aller allen Deliktsbereiche vor und seien, wie bei Hermann Z., zu Beginn der Untersuchungshaft am häufigsten. 

Am Anfang, sagt Hermann Z., habe er einfach nur dagesessen und vor sich hingestarrt. Die Scham über die Tat habe ihn sprachlos gemacht. „Ich konnte lange nicht weinen. Aber irgendwann ging das und dann kamen da wahre Sturzbäche.“ Viele Sexualstraftäter schämten sich ihrer Taten, sagt Jurgita Kemezaite. „Und bei vielen ist die Scham ein erster Schritt zur Veränderung.“ Es gebe allerdings auch Sexualstraftäter, die nicht einsehen, dass das Vergehen falsch war. 

Hermann Z. war sich dessen schon vor seiner Haft bewusst: Nach dem vierten sexuellen Übergriff auf seine Stieftochter „wusste ich, dass das so nicht weitergehen kann und bin ausgezogen.“ Das Mädchen vertraute sich seiner Mutter an, die Anzeige gegen ihren Gatten erstattete. Hermann Z. kam in Untersuchungs-Haft und lernte dort, dass Sexualstraftäter in der Hierarchie der Gefängnis-Insassen ganz unten stehen. „Ich hatte viel Angst vor Repressalien“, sagt er. „Einmal beim duschen bin ich stark verbal angegriffen worden. Die haben mir gedroht, sie würden mich fertigmachen wenn ich noch mal mit ihnen dusche. Ich habe eigentlich an gar nichts mehr denken können. Ich habe nur tagein, tagaus gehofft, dass mir nichts passiert“, blickt er zurück. „Nur in meiner Zelle habe ich mich sicher gefühlt. Das war meine Höhle, in der ich mich verkrochen habe.“

Dann wurde Hermann Z. in den sozialtherapeutischen Vollzug der JVA Offenburg verlegt. Seither geht es ihm besser. Er begann, viel über sich nachzudenken, zu lesen und an seine Eltern und Geschwister zu schreiben. Und er begann, auf Antwort oder Besuch zu warten. Doch bis auf einen Zweizeiler in dem stand „wir können nicht damit umgehen“, kam nichts. „Einerseits kann ich das verstehen, andererseits macht es mich sehr, sehr traurig“, sagt Hermann Z. „Ich fühle ich dadurch noch schmutziger.“ Kontaktabbrüche durch die Angehörigen seien in allen Deliktsbereichen häufig, erzählt Jurgita Kemezaite „Dabei gilt: je länger die Inhaftierung, desto gefährdeter sind die Bindungen nach draußen.“ Familiäre Unterstützung könne hilfreich sein, insbesondere wenn es um die Wiedereingliederung nach der Haft geht. Andererseits könne die Abwendung der Familie dem Gefangenen auch den Ernst der Situation und seines strafbaren Tuns verdeutlichen und ihn zu einer Neuordnung seines Lebens bewegen. 

Sein Leben neu zu ordnen, das ist auch das Ziel von Hermann Z. Durch die Sozialtherapie in der Justizvollzugsanstalt Offenburg lerne er sich selbst erst richtig kennen, sagt er. Er sehe seine Fortschritte und das gebe ihm Hoffnung. „Mir wird viel bewusst, was ich vorher nicht gesehen habe. Mein großer Traum ist, auf den richtigen Weg zu kommen.“ Eine Arbeit zu haben und eine Wohnung. Frau und Kinder kommen in seinen Träumen aber nicht vor. Weil er Angst hat, rückfällig zu werden? „Nein“, sagt er. „Das passiert mir nicht.“ In der Therapie habe sich gezeigt, dass er nicht im eigentlichen Sinne pädophil ist. „Das hat mich sehr beruhigt denn davor hatte ich sehr große Angst.“ Die Tat habe er begangen, weil die Ehe am Auseinanderbrechen war. „Da habe ich bei meiner Stieftochter das gesucht, was ich in der Ehe nicht bekommen habe. Das soll aber keine Entschuldigung für meine Tat sein, denn die gibt es nicht.“

Ob es ihm gelingt, nach der Haftstrafe wieder Fuß im normalen Leben zu fassen? „Ich traue mir schon einiges zu“, sagt Hermann Z. „Aber ich habe auch Angst, dass mich die Straftat mein Leben lang weiter begleitet. Dass mich die Reue auffrisst. Und auch, dass ich keine wirkliche Chance auf eine gute Arbeit mehr haben werde, wenn mein Arbeitgeber erfährt, dass ich im Gefängnis war.“ 

Lange Haft entfremde von der Welt außerhalb der Mauern, bestätigt Gefängnispsychologin Kemezaite die Schwierigkeit der Wiedereingliederung ehemaliger Inhaftierter ins Alltagsleben. Doch die Gefängnismitarbeiter und Bewährungshelfer begleiteten die einstigen Gefangenen auf ihrem Weg zurück: „Die Betreuung nach der Haft ist immer wichtiger geworden. Auch wird besser zwischen Mitarbeitern im Gefängnis und außerhalb zusammengearbeitet als früher.“ Viele Gefangene gingen sogar gestärkt nach draußen: „Das sind die, die aus desolaten Verhältnissen kommen und noch nie eigenständig und in dauerhaften Bindungen gelebt haben. Die Therapie im Gefängnis bedeutet dann, sie erstmals dafür fit zu machen.“

Das ist auch bei Hermann Z. nicht anders: Straftaten hat er schon vor dem schweren Sexualdelikt begangen. „Ich habe immer schnell die Flinte ins Korn geworfen wenn das nicht so lief“, sagt er. „Dann wurde ich arbeitslos und habe Scheckkartenbetrug begangen. Ich war irgendwie auf dem völlig falschen Dampfer und hatte mich gar nicht im Griff. Das wird nun anders.“ 

Wohin er nach dem Gefängnis-Aufenthalt, dann als 47-Jähriger, gehen wird, weiß Hermann Z. noch nicht. „Es zieht mich schon zurück nach Konstanz. Aber andererseits habe ich dort ja niemanden mehr. Ich will zwar versuchen, wieder Kontakt zu meiner Familie zu bekommen, mache mir aber keine allzu großen Hoffnungen.“

Das ist der kleine Rest der großen Hoffnungslosigkeit, die Hermann Z.’s Leben am Anfang seiner Haft dominierte. Eine Hoffnungslosigkeit, die irgendwann der Erkenntnis wich, dass der Schlüssel zur größten Hoffnung, nämlich der nach einem geregelten, deliktfreien Leben in Freiheit, in ihm selbst liegt.  

Erschienen im SÜDKURIER am 2.11.11

René Cuadra ist Psychologierat an der Justizvollzugsanstalt Offenburg. 


Herr Cuadra, man hört immer von der „Knast-Hierarchie“ und davon, dass Sexualstraftäter da ganz unten stehen. Stimmt das wirklich und wie drückt sich das aus? 

Diese Hierarchie nach Delikten besteht, und tatsächlich stehen Menschen mit Sexualdelikten unten und diejenigen mit Missbrauchsdelikten an Kindern ganz unten. Dabei reicht häufig schon der Verdacht für Anfeindungen. Solche Anfeindungen sind überwiegend Beleidigungen und Bedrohungen, Mobbing und Ausgrenzung, seltener auch offene Gewalt. Die seelische und körperliche Gewalt geht von einigen wenigen Gefangenen aus, die auf Kosten der angefeindeten Insassen ihren Status erhöhen. Viele andere Gefangene sind dabei Mitläufer. 

 

Was kann das Gefängnis-Personal dagegen tun? 

In manchen Justizvollzugsanstalten gibt es Schutzabteilungen für bedrohte Insassen. Da Gefangene mit Sexualdelikten häufiger als andere eine Therapieauflage haben, befinden sich viele von ihnen aber ohnehin in Behandlungsabteilungen. Diese Abteilungen sind kleiner, personell besser ausgestattet und damit übersichtlicher und Gefangene müssen zudem mit ihrem Rauswurf aus der Behandlung rechnen, wenn sie andere unterdrücken.

 

Haben Sexualstraftäter gegenseitig Verständnis oder bringen sie sich eher Verachtung entgegen? 

Im Regelstrafvollzug sind Gefangene mit Sexualdelikten meist isoliert, auch von Mitgefangenen, die ähnliche Delikte begangen haben. Im Behandlungsvollzug gibt es eine gewisse Solidarisierung. In einer Behandlung werden die Straftäter mit ihren Taten konfrontiert, und dabei tritt häufig starke Verachtung gegen sich selbst auf. Die meisten Sexual- und Gewaltstraftäter verurteilen die selbst ausgeübte Gewalt und begreifen selbst nicht, wie sie trotzdem Straftäter werden konnten.

 

Gibt es Träume, die die meisten Inhaftierten träumen? 

Die meisten Inhaftierten wünschen sich das Leben eines Otto-Normalverbrauchers: eine kleine Wohnung, eine Arbeit, Bekannte, im besten Fall eine Partnerschaft. Viele wissen aber, dass sie nach der Entlassung kleine Brötchen backen müssen und haben keine großen Träume.

 

Sie arbeiten als Gefängnis-Psychologe - aber Sie betreuen nur rund 15 Prozent der in Offenburg Inhaftierten. Was sind die Voraussetzungen, damit ein Gefangener in Therapie kommt? 

In Offenburg sind vier Psychologen für 440 Plätze im Regelvollzug zuständig und weitere vier Psychologen für 60 Therapieplätze. Nicht alle Gefangenen brauchen Therapie, viele benötigen andere Maßnahmen wie Schule, Ausbildung und Hilfe bei der Schuldenregulierung. Die psychologische Betreuung im Regelvollzug ist gut. Eine Therapie in Offenburg erhalten Gefangene mit Sexual- und Gewaltdelikten. Es handelt sich eher um „schwere Fälle“, also Menschen mit einer langen kriminellen Geschichte oder schweren Straftaten. Sie müssen vor allem bereit sein, sich mit ihren Straftaten zu befassen, also die Taten genau zu schildern, sich dabei kritisch hinterfragen zu lassen und sich mit dem Erleben und den Folgen für die Opfer auseinanderzusetzen. Dies geschieht in Einzelgesprächen, vor allem aber auch in Gruppen, in denen jeder vor allen anderen die Karten auf den Tisch legen muss.

 

In der Politik wird die Frage, ob mehr Therapieplätze für mehr Sicherheit sorgen würden - wegen der dann  möglicherweise sinkenden Rückfallquote - heiß diskutiert. Was sagen Sie dazu? 

Die Forschung sagt klar, dass Therapie Rückfälle verhindert. Allerdings muss diese Therapie angemessen sein. Sie muss sich detailliert und intensiv mit den Straftaten und mit den Bedingungen, die dazu geführt haben befassen. Also zum Beispiel Suchtmittelmissbrauch, ein unausgeglichener Lebensstil, Pornokonsum, Schulden, fehlende soziale Fähigkeiten usw. Angemessen heißt auch die meist schmerzhafte Wahrnehmung der Opfersicht und des Opferempfindens. Und die genaue Identifizierung von Risikofaktoren, um zukünftig gegensteuern zu können. Nicht zuletzt ist die Therapie nach Entlassung noch nicht beendet, sondern häufig geht sie ambulant weiter, um in der Lebenspraxis der Entlassenen sowohl zu unterstützen als auch zu kontrollieren.

 

Lässt sich generell jeder Inhaftierte therapieren? 

Wie gesagt, braucht längst nicht jeder Gefangene eine Therapie. Aber auch nicht jeder, der nach Einschätzung der Fachleute eine Therapie braucht, ist hierfür geeignet: Sei es weil er nicht dazu bereit ist, sei es weil er nicht ausreichend deutsch spricht, oder weil er als psychiatrisch krank oder als nicht gemeinschaftsfähig gilt.

 

Mit was haben die meisten Inhaftieren zu kämpfen? 

Die Lebenslagen der Inhaftierten sind sehr vielgestaltig. Wie mit einem großen Trichter auf dem Dach einer Justizvollzugsanstalt werden allerlei sperrige Fälle, Unwägbarkeiten und Unsicherheiten in diese Anstalt hineingespült. Alkohol- und Drogenabhängige, die eigentlich in eine spezifische Therapie gehören, Menschen, die eigentlich psychiatrisch betreut werden müssten, Obdachlose, Ausländer, die voraussichtlich abgeschoben werden, Menschen mit schlechten oder gar keinen Deutschkenntnissen, zunehmend ältere Gefangene usw. Die Gefangenen müssen einander aushalten. Viele wissen nicht, wie es nach der Haft weiter geht, ob sie Arbeit finden, ob sie es schaffen, straffrei zu leben. Viele sorgen sich, ob ihre Familie und ihre Freunde zu ihnen halten. Sie entbehren die Nähe zu ihrer Partnerin. Bei der Fülle an Belastungen kommt es natürlich immer wieder zu Krisensituationen.

 

Und wie können Sie helfen?

Als Psychologen müssen wir sehr flexibel sein, was die Arbeit im Übrigen auch spannend macht. Für viele Gefangene ist die Haftzeit aber auch eine Gelegenheit, das eigene Leben zu überdenken und zu ändern. Hierbei sind Psychologen in besonderer Weise Ansprechpartner.

Fragen: Eva-Maria Bast

Erschienen im SÜDKURIER am 2.11.2011

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