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Verwaiste Eltern

"Es ist so, dass einem das Herz bricht"

„Es ist so, dass einem das Herz bricht.“ Nur ein Hauch sind diese Worte, mit denen Markus D. (Namen von der Redaktion geändert) jene kalte Februarnacht beschreibt, in der sich alles veränderte. Die Nacht, in der er mit seiner Frau Sabine am Bett seiner toten Tochter Hanna wachte. Das Ende eines grauenvollen Tages war das, und die Gewissheit nach Stunden des Bangens. Stunden, in denen Sabine und Markus D. schon ahnten, dass Hanna etwas zugestoßen sein könnte. Stunden, in denen sie verschiedenen Spuren nachgingen und zahlreiche Hinweise zusammenpuzzelten, die sich immer mehr zu dem unfassbaren Bild verdichteten: dass Hanna tot ist. Dass sie nie wiederkommen wird, die einzige Tochter, das einzige Kind.

Die 17-jährige Jugendliche aus dem Bodenseekreis starb 2008 als Beifahrerin bei einem Autounfall. Die Mutter, Sabine D., war in der Stadt unterwegs, als eine Freundin ihrer Tochter sie auf dem Handy anrief und sagte, dass sie sich Sorgen mache. Hanna sei in der Mittagspause mit drei Freundinnen ins 15 Kilometer entfernte Friedrichshafen gefahren und nicht wiedergekommen. Der Anruf kam um 15.30. Da war Hanna bereits seit einer Stunde und sieben Minuten tot. 

Doch es sollte noch lange dauern, bis die Mutter Gewissheit hatte: Sie ging zur Polizei, die von einem Unfall mit Verletzten sprach. Sie solle nach Hause gehen, man werde sie informieren, hieß es. Rasend vor Sorge begannen Sabine D. und ihr Mann zu recherchieren. Suchten das Internet nach Meldungen ab. Und dann fanden sie den Unfall im World Wide Web. Von drei Verletzten war die Rede. Und von einer Toten. Hannas Eltern riefen in allen Krankenhäusern an. Nur von dem einen, dem alles verzehrenden Wunsch getrieben: Ihre Tochter lebend ausfindig zu machen. Sie fanden ein Unfallopfer nach dem anderen. Alle drei Freundinnen, mit denen ihre Tochter unterwegs gewesen war. Nur ihre Hanna fanden sie nicht. Langsam bahnte sich eisige Gewissheit ihren erbarmungslosen Weg durch die brennende, glühende Angst. „Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits klar, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Aber es kam nicht wirklich bei mir an. Ich hatte ein Gefühl, als befinde ich mich unter einer Glocke“, sagt Sabine D. Ihr Mann ergänzt: „Ich fühlte mich  wie in einem Film, als wäre ich selbst nicht beteiligt. Das war ein Selbstschutz. Weil ich die Wahrheit nicht ertragen konnte.“ 

Dann hat Sabine D. sich ans Küchenfenster gestellt und auf die Polizei gewartet. „Als ich gesehen habe, dass das Polizeiauto vorfährt, habe ich ihnen aufgemacht. Sie mussten nicht einmal klingeln.“ Wenige Minuten nach der Polizei kam der Kriseninterventionsdienst. „Die Frau hat gesagt: ‚Wir fahren jetzt zur Hanna nach Ravensburg.’ Das hat sie mehrmals gesagt, bevor das bei mir angekommen ist“, beschreibt die Mutter.

Als Sabine und Markus D. in der Pathologie vor ihrer toten Tochter standen, gab es kein Entrinnen mehr. Da starb jede Zuversicht, jede noch so kleine Hoffnung, dass es sich um eine Verwechslung handeln könnte. Da verstummte die Stimme der Ungläubigkeit, die bis dahin unentwegt geflüstert hatte: ‚Nein, nein, das kann doch nicht sein! Doch nicht mein Kind!’

„Als sie dann vor lag, da konnte ich nicht mehr ausweichen“, sagt Hannas Vater. „Die Zeitwahrnehmung ist anders, die Zeit bleibt tatsächlich stehen.“  Wie kann man einen solchen Moment überleben? Und die endlosen Tage danach? Markus und Sabine D. haben einen Weg gefunden, der Trost brachte: Sie haben ihr totes Kind nach Hause geholt. Eine Nacht sollte sie noch einmal in ihrem Zimmer, in ihrem Bett verbringen. „Diese Entscheidung war die wichtigste in unserem Leben“, sagt Sabine D. „Als ich bei meinem toten Kind saß, sind unglaubliche Dinge in mir passiert. Da habe ich mich gefragt, ob es überhaupt einen Tod gibt.“ In jener Nacht sei bei ihr die Gewissheit gewachsen, dass der Tod nicht allmächtig ist. Dass er unfähig ist, die innige Verbundenheit zwischen ihr und ihrer Tochter zu beenden, sagt Sabine D. „Hanna ist da. Sie ist noch bei uns.  Sie begleitet uns.“

Und tatsächlich ist Hannas Präsenz deutlich spürbar, in ihrem Elternhaus. Das liegt an vielen kleinen Dingen. An dem selbst gebastelten Kalender über dem Tisch zum Beispiel. An dem Fotoalbum im Regal. Vor allem aber liegt es an ihren Eltern, die ruhig und gefasst am Tisch sitzen und mit Innigkeit, Liebe und einer sehr emotionalen Ruhe von ihrer Tochter sprechen. Diese Eltern sind nicht verzweifelt auf der Suche, nach ihrer verstorbenen, ihrer einzigen Tochter. Man merkt ihnen an, dass sie sie längst wieder gefunden, oder sogar nie verloren haben. Keine Verbitterung über das Geschehene ist den verwaisten Eltern anzumerken. Kein verzweifeltes Klammern an Reliquien. Kein Hadern mit dem Schicksal. Und die Mutter sagt: „Ich bin unendlich dankbar, dass dieses wunderbare Mädchen 18 Jahre lang auch physisch bei mir war.“ 

Der Weg zu dieser ruhigen Haltung war lang. „Die ersten Wochen und Monate haben wir einfach nur versucht, uns irgendwie von einem Moment zum nächsten zu retten“, sagt Marks D. „Nachbarn und Freunde waren da, haben Anteil genommen. Ständig hat uns jemand was vor die Türe gestellt oder Kuchen gebracht. Und in allen Fenstern standen Kerzen. Wochenlang. Diese kleinen Botschaften haben uns ungemein geholfen“.  

Was bleibt, ist die Erinnerung. Die Erinnerung an viele gemeinsame Stunden: schöne und traurige. „Ich habe Hanna am Abend vor dem Unfall das letzte Mal lebend gesehen, und da war sie sehr euphorisch“, beschreibt Sabine D. „In dem Moment war alles nur schön, in ihrem Leben. Sie hatte vor, im Sommer nach Malta zu gehen und behinderte Kinder zu betreuen. Sie war so hübsch und so jung.“

Außerdem freute sich die junge Frau auf den bevorstehenden Geburtstag. Eine große Feier hatten die Eltern ihr versprochen. Doch an diesem 18. Geburtstag war Hanna schon seit vier Tagen tot. Ihre Mutter sagt ganz leise: „Die Feier gab es trotzdem. Aber es war ihre Beerdigung.“ 

Erschienen im SÜDKURIER am 25.11.2010

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