Warenkorb

Anne Frank

Die alten Fotos hängen noch immer

Das Knarzen nimmt kein Ende. Ununterbrochen ist es zu hören, von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Es sind diese steilen Treppen, so typisch für Amsterdam, die unter den Füßen von bis zu 4000 Menschen jeden Tag knirschen und knacken. Im Treppenhaus des Anne-Frank-Museums in der Prinsengracht 267 gehört dieser Geräuschpegel dazu. Er ist die Begleitmusik für einen Besuch in dem Gebäude, in dem sich die Jüdin Anne Frank zusammen mit ihrer Familie und Freunden zwei Jahre lang vor den Nationalsozialisten versteckte. So lange, bis am 4. August 1944 SS-Soldaten die knarzenden Treppen hinaufstiegen und alle festnahmen.

Doch wer ins Anne-Frank-Haus rein will, muss erst einmal draußen bleiben. Denn die Schlange vor dem Eingang ist lang. Sie führt vom Museum entlang des Kanals der Prinsengracht bis zur Westerkirche an der nächsten Straßenkreuzung und im Sommer auch noch um das Gotteshaus herum. Zwei Stunden oder länger stehen die Besucher in der gleißenden Sonne oder im strömenden Regen. „Das Anne-Frank-Haus ist ein fester Programmpunkt in unserem Amsterdam-Besuch, egal, wie lange wir warten müssen“, erklärt ein Vater aus Deutschland. Seine beiden Töchter haben das Tagebuch in der Schule gelesen und wollen jetzt einmal mit eigenen Augen sehen, wo Anne ihre Gedanken aufgeschrieben hat. Für sie und 1,2 Millionen Besucher jährlich gehört das Museum zum Urlaubsprogramm, eine Pilgerstätte. Fast 30 Millionen Menschen haben seit der Eröffnung 1960 das Haus gesehen.

Und genau hieraus ergibt sich ein Konflikt, der rund um Anne Franks Erbe schwelt. „Annes Vater Otto wollte kein Museum oder eine Pilgerstätte“, erklärt Yves Kugelmann, ehrenamtliches Mitglied des Stiftungsrates des Anne Frank Fonds in Basel. Der Fonds wurde von Otto Frank gegründet. Als Universalerbe verwaltet er die weltweiten Rechte am literarischen Werk der Familie Frank, darunter auch Annes Tagebuch. „Entgegen der weit verbreiteten Meinung war Otto Frank bei der Gründung des Museums nicht involviert. Er wollte eine Begegnungsstätte für Jugendliche, kein Mausoleum für seine Tochter“, fährt Kugelmann fort.

Bei der Anne-Frank-Stiftung, die das Museum betreibt, sieht man das anders. „Der Zweck des Museums ist, die Mission von Otto Frank weiterzuführen“, sagt Pressesprecherin Annemarie Bekker. Er sei der Motor hinter der Idee gewesen, den Originalschauplatz der Geschichte zum Museum zu machen. „Er wollte, dass die Leute nicht nur das Buch lesen, sondern dass sie sich auch Gedanken darüber machen, was es ganz allgemein bedeutet, jemanden auszuschließen oder der Ausgeschlossene zu sein.“ Also öffne man das Haus für die Öffentlichkeit und kümmere sich gleichzeitig um die Erziehungsarbeit. Den Kontakt und die Kommunikation zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Kulturen, Religionen und ethnischen Hintergründen herzustellen und so Intoleranz und Diskriminierung vorzubeugen, sei eines seiner wichtigsten Anliegen gewesen.

Was nun tatsächlich der Wunsch Otto Franks war, lässt sich für Außenstehende nur schwer nachvollziehen. Ein Museum? Oder lieber kein Museum? In einem Punkt allerdings hat das Anne-Frank-Haus auf jeden Fall Franks Wunsch respektiert: Die Zimmer, in denen sich die acht Juden versteckt hielten, sind leer. „Otto Frank wollte keine Möbel darin stehen haben, um die Leere zu symbolisieren, die nach dem Holocaust entstanden war“, erklärt Annemarie Bekker. Wer beim Warten in der langen Schlange gehofft hat, das Bett von Anne zu sehen, wird enttäuscht. Obwohl es sich die Versteckten in dem Gebäude, das einst zu Otto Franks Geliermittelfirma gehört hatte, den Umständen entsprechend komfortabel eingerichtet hatten, ist davon nichts mehr zu sehen. Die Nationalsozialisten nahmen nach der Verhaftung der Hinterhaus-Bewohner alles mit, was sich tragen ließ. Und doch gibt es Überbleibsel, die auf viel ergreifendere Weise als ein Bett klar machen, dass hier zwei Familien untergetaucht waren.

Anne kam über denselben Aufgang ins Versteck, wie die Besucher, und nannte ihn im Tagebuch „eine lange, übersteile, echt holländische Beinbrechertreppe“. Das Bücherregal, das den Zugang verbarg, steht noch an seinem originalen Platz. In dem Zimmer, in dem Anne und der Zahnarzt Fritz Pfeffer schliefen, hängen immer noch die Fotos von Heinz Rühmann, Greta Garbo und anderen Stars der damaligen Zeit, für die Anne schwärmte. Wie viele andere Eltern auch hielten Otto und Edith Frank das Wachstum ihrer Kinder mit Bleistiftmarkierungen an der Wand fest, die noch heute zu sehen sind: Anne, anfangs 13 Jahre alt, wuchs im Versteck 13 Zentimeter. Ihre Schwester Margot, 16, nur fünf. Der letzte Strich von Anne stammt vom 29. Juli 1944. Sechs Tage später wurden sie verhaftet.  Die Karte von der Normandie, in die Otto Frank mit Stecknadeln den Vormarsch der Alliierten eintrug, hängt dort, wo er sie angebracht hat und macht deutlich: Fast hätten sie es geschafft, Anne und ihre Mitbewohner. Die Rettung war so nah und kam doch zu spät.

Vielleicht ist es genau das, was die Menschen so rührt: diese Tragik, die in der Geschichte des jungen Mädchens liegt, das so gerne eine berühmte Journalistin geworden wäre. Und nicht ahnte, dass sie es tatsächlich werden würde – wenn auch erst nach ihrem Tod. Otto Frank, der als einziger der acht Untergetauchten den Holocaust überlebte, erhielt das Tagebuch nach seiner Rückkehr nach Amsterdam von Miep Gies. Sie war eine der fünf Eingeweihten, die die Untergetauchten mit Lebensmitteln, Kleidung und Nachrichten von draußen versorgten. Er las es, überarbeitete es und veröffentlichte es zusammen mit einem Verlag im Juni 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ – „Das Hinterhaus“.

Yves Kugelmann vom Anne Frank Fonds hat kein Problem damit, dass viele Menschen sich für Anne interessieren. Im Gegenteil: Genau von diesem Interesse lebt der Fonds, der sämtliche Einnahmen spendet oder für Bildungsprojekte verwendet. In mehr als 80 Länder weltweit ist das Buch verkauft worden, hunderte Millionen von Menschen haben es gelesen. Doch der Anne Frank Fonds wehrt sich gegen jene, die mit Anne ein Exempel statuieren und sie zum Selbstzweck vermarkten wollen. „Dass sie zum singulären, aus dem Zusammenhang gerissenen Opfer des Holocaust stilisiert wird, ist wenig sinnvoll. Das wird der Geschichte und den Opfern nicht gerecht“, erklärt er. Denn genau genommen findet der Holocaust im Buch selbst ja gar nicht statt. Annes Tagebuch endet drei Tage, bevor jemand - es wird nie geklärt, wer - sie und die anderen Juden in der Prinsengracht 267 an die Nationalsozialisten verrät. Sie werden am 4. August 1944 verhaftet und ins „Judendurchgangslager“ Westerbork überführt. Mit dem letzten Transport kommen sie in Auschwitz an, von wo Anne und Margot ins Konzentrationslager Bergen-Belsen überführt werden. Beide sterben Ende Februar oder Anfang März 1945 an Typhus.

Es kann schon einmal vorkommen, dass der Fonds sich gegen Veröffentlichungen über Anne Frank ausspricht. Der medialen Verbreitung des Stoffes des Tagesbuchs tut das keinen Abbruch. Seit Kurzem zeigt das Amsterdam Theater das Musical „Anne“. Theaterstücke, Kino- und Fernsehfilme, Bücher zum Thema und sogar Comics sind inzwischen auf dem Markt. Und es werden noch mehr werden. Denn da sich Annes Todestag 2015 zum 70. Mal jährt, laufen in vielen Ländern die Rechte an dem Tagebuch aus. Dann kann theoretisch jeder mit dem Stoff machen, was er will. Und mit Anne Frank lässt sich Geld verdienen, viel Geld.

Das Anne-Frank-Museum ist auf diese Werbetrommel nicht angewiesen. Längst ist das Hinterhaus mit den knarzenden Treppen zu einem Wallfahrtsort geworden. „Wir müssen jedes Jahr die Zimmer neu tapezieren, weil die Leute die Tapete abreißen und als Andenken mit nach Hause nehmen“, sagt Annemarie Bekker.

Erschienen im Südkurier, in der Augsburger Allgemeinen, in der Main-Post und in der Südwestpresse Juni und August 2014

Jetzt neu

Hier abonnieren  oder als Einzelheft bestellen. Wir liefern Versandkostenfrei! Und auf Wunsch auch mit Prämie als Geschenk verpackt. 

 

Women's History Shop - Accessoires und Nützliches

Hier geht's zum Shop

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Bast Medien, Münsterstr.35, 88662 Überlingen