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Tattoos

Für immer verziert

Kerstin Sorg sieht lieber nicht hin. Angespannt sitzt die 29-Jährige auf dem schwarzen Ledersessel, beißt sich in die rechte Faust und wendet sich von Frank Dietzel ab. Der ist gerade dabei, der zierlichen Frau mit den langen blonden Haaren eine Schlange auf den linken Oberarm zu tätowieren, die nach einer Pfauenfeder schnappt. „Es tut jedes Mal furchtbar weh“, sagt sie und spricht dabei aus Erfahrung. Denn es ist nicht das erste Mal, dass sich die Schweizerin aus Schaffhausen im „Nadelwerk“ in der Konstanzer Niederburg ein Tattoo stechen lässt. Und es wird auch nicht das letzte Mal sein.

Die Gründe für die einzelnen Tätowierungen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie tragen. Freude und Trauer, Freund und Feind, Sieg und Niederlage, Geburt und Tod – alles, was ein Menschenleben ausmacht, lässt sich auch mit Nadel und Farbe unter der Haut verewigen. So trägt jeder Tätowierte ein Stück seines Lebenslaufs sichtbar mit sich herum. Das gilt auch für die zehn Minuten im Vollrausch, in denen er fand, dass sich eine rote Rose auf dem Allerwertesten gut machen würde. Bei Kerstin Sorg ist dieses Lebenslauf-Tattoo der Name einer verflossenen Liebe. Doch anstelle des Spitznamens ihres Ex-Freundes, Loco, steht jetzt „Loca“ auf ihrem Körper zu lesen. „Das habe ich damals beim Stechen extra so gewählt“, gibt die Schweizerin lächelnd zu, „man weiß ja nie. Und ein bisschen verrückt, also ‚loca‘, bin ich ja schon.“

Die Liebe geht, das Tattoo bleibt. „Diese Unwiderrufbarkeit ist ein zentrales Merkmal des Tattoos“, erklärt der Soziologe Oliver Bidlo. Er hat sich in seinem Essay „Tattoo – Die Einschreibung des Anderen“ eingehend mit den Körperverzierungen beschäftigt. „Nur dadurch weist es sich als etwas Beständiges und auch Mutiges aus“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen. In seinen Gesprächen mit Tätowierten hat er festgestellt, dass die meisten von ihnen etwas festhalten wollen: „Ein Tattoo ist konservativ im wahrsten Sinne des Wortes. Es will etwas konservieren.“ In einer Zeit, in der die Globalisierung über die Köpfe der Menschen hinwegfege, in der man von Lebensabschnittspartnern spreche und in der berufliche Biographien mit großen Brüchen versehen seien, sei das Tattoo ein Anker, eine feste unverrückbare Referenz, auf die man sich beziehen könne. „Damit ist das Tätowieren in gewisser Hinsicht eine Gegenbewegung gegen die sich immer schneller verändernde Welt“, fasst der 40-Jährige zusammen.

Das Dazugehören oder eben Nicht-Dazugehören war schon immer Bestandteil des Tattoos (siehe Text unten). Noch vor wenigen Jahrzehnten fielen vor allem Männer durch Verzierungen am Körper auf, die die meiste Zeit ihres Lebens auf hoher See, auf dem Motorrad oder im Gefängnis verbracht hatten. Heute trägt jeder zehnte Deutsche ein Tattoo, bei den 25- bis 35-Jährigen sogar jeder vierte. Längst sind es auch Anwälte, Zahnärzte und Lehrer – Männer wie Frauen, die irgendwo unter ihrem Talar, ihrem weißen Kittel oder dem Polo-Shirt tätowiert sind. „Man sieht ganz klar, dass das Tattoo zunehmend soziale Unterschiede überwindet. Heute findet man es in allen gesellschaftlichen Schichten – wenngleich auch nicht gleich verteilt“, hat Oliver Bidlo herausgefunden. Das Tattoo ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Das sieht man auch an der Verortung von Tattoostudios in den Städten. Früher waren es meist dunkle Hinterhofstudios in Randbereichen. Heute findet man sie in den Innenstädten, neben Buch- und Modeläden. Sie sind groß, hell und modisch designt“, sagt der Wissenschaftler.  

Das gilt auch für Frank Dietzels „Nadelwerk“ in der romantischen Rheingasse im ältesten Konstanzer Stadtteil, der Niederburg. Nebenan ist ein Friseurladen, gegenüber ein Vermittlungsbüro für exklusive Immobilien, und der Grünen-Politiker Siegfried Lehmann hat sein Büro ein paar Häuser weiter. Dietzel ist 43 Jahre alt und Vater von drei Kindern. Seit 16 Jahren arbeitet er als Tätowierer und hat sich damit einen guten Ruf erarbeitet, der weit über die Stadtgrenzen hinaus reicht. Das liegt unter anderem an seinem verantwortungsvollen Umgang mit seinen Kunden. „Wir tätowieren nur Erwachsene. Und wenn ein 18-Jähriger sich Hände oder Hals tätowieren lassen will, raten wir davon ab. So ein sichtbares Tattoo kann einfach vieles verbauen“, erklärt der gelernte Einzelhandelskaufmann. Bei Stammkunden, die die Folgen ihrer Entscheidung richtig einzuschätzen wüssten, sei das etwas anderes. „Aber wir tätowieren nicht im Gesicht“, sagt Dietzel, „das ist für viele noch immer ein Tabu.“

Einer, der dieses Tabu in Sachen Tattoo gebrochen hat, ist Patrick Sutter. Ein fast maßstabsgetreuer Totenschädel ziert seinen kahlen Hinterkopf. An den Schläfen hat sich der Schweizer Zahnräder und Schrauben verewigen lassen. Um seinen Kehlkopf spannt eine Fledermaus ihre Flügel nach links und rechts. Auch mit Piercings ist der 38-Jährige ausgestattet, inklusive einem kleinen Ring, der in seiner linken Wange hängt. Auf die Frage, warum er sich am Kopf hat tätowieren lassen, antwortet er schlicht: „Da war noch Platz frei.“ Denn bis auf ein Bein ist sein ganzer Körper mit Bemalungen übersät. „Für mich spielt es keine Rolle, dass ich die Tattoos nicht verdecken kann“, sagt der Oldtimer-Sammler achselzuckend. In seinem Job als Fahrer störe das nicht. Viel Zeit und Angstschweiß hat er investiert: Allein für das Tattoo auf seinem Kopf saß er acht Mal beim Tätowierer, jede Sitzung dauerte vier Stunden. „Das war sehr schmerzhaft“, gibt er rückblickend zu. 

Vom Maximum des Möglichen ist Patrick Sutter trotzdem noch weit entfernt. Denn den Weltrekord hält der geborene Neuseeländer Lucky Rich. Mehr als 1000 Stunden seines Lebens hat der 42-Jährige damit zugebracht, sich neben der gesamten Körperoberfläche auch die Augenlider, die Haut zwischen den Zehen, das Innere seiner Ohren und selbst das Zahnfleisch tätowieren zu lassen. Heute gilt sein Körper als 100-prozentig tätowiert – für Kerstin Sorg ein Alptraum.

Erschienen im Südkurier, Januar 2014

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