Warenkorb

125 Jahre Maggi

Sehnsucht nach einer guten Suppe

Entweder man liebt sie oder man hasst sie: An der Maggi-Würze scheiden sich die Geister des kulinarischen Geschmacks, und das seit inzwischen 125 Jahren. Dabei hat sich das Gebräu, dessen Rezept zu den bestbehüteten Geheimnissen der Lebensmittelindustrie gehört, im Laufe der Jahrzehnte weder im Geschmack noch in seinem Auftreten merklich verändert: Noch immer kommt die salzige Flüssigkeit in einer braunen Glasflasche mit gelb-rotem Aufkleber auf den deutschen Küchentisch.

So ist es auch bei Adolf Schnurr. Der Singener ist ein energischer Mann von 82 Jahren, der keinen Teller Suppe ohne einen ordentlichen Schuss Maggi-Würze isst. Einen Tag ohne Maggi hat es für ihn ohnehin kaum gegeben, nicht während der 50 Jahre seiner aktiven Laufbahn im Unternehmen und auch nicht in den 18 Jahren, die seit seiner Pensionierung vergangen sind. Noch heute geht er jeden Tag in der Werkskantine essen. „Ich habe das gut überstanden“, sagt er augenzwinkernd. Der gelernte Chemielaborant wohnt in einem der ehemaligen Werkshäuser neben dem Firmengelände und trifft sich jeden Donnerstag mit anderen Ehemaligen. Sie gehen wandern und reden über vergangene Zeiten, unter anderem darüber, wie Schnurr 1956 zum „Vater der Ravioli“ wurde.  

Keine Frage: Das italienische Traditionsgericht wurde nicht am Hohentwiel erfunden. Vielmehr erkannte die Firma Maggi damals das Geschäft mit der Sehnsucht: Mit einer schönen Dose Ravioli sollten die italienbegeisterten Deutschen auch zuhause im tristen Novembernebel noch einmal die Adriasonne  spüren – wenn schon nicht im Gesicht, dann doch zumindest im Bauch. Seither haben es Generationen von Campern, Junggesellen und Studenten unter anderem Adolf Schnurr zu verdanken, dass die tellerfertige Pasta-Soßen-Mischung Ende der 50er Jahre in Blechdosen in die Supermarktregale kam. „Wir haben dabei viel Lehrgeld bezahlt“, erinnert sich Schnurr an die Anfänge zurück. Er und seine Kollegen hatten keine Erfahrung mit Konserven, das nötige mikrobiologische Wissen fehlte ihnen. Inzwischen sind die Ravioli aus der Dose seit mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Markt, 33 Millionen Dosen werden pro Jahr abgefüllt.

Dass unter seinem Namen einmal Ravioli produziert werden würden, wagte der Schweizer Julius Maggi bei seiner Entdeckung 1886 vermutlich nur zu träumen. Schließlich war der Unternehmer mit italienischen Wurzeln zunächst einfach auf der Suche nach nährstoffreichen, Zeit sparenden und preisgünstigen Nahrungsmitteln, die im Zeitalter der Industrialisierung die arbeitende Bevölkerung vor Mangelernährung schützen sollten. Seit 1882 hatte er mit proteinhaltigem Mehl aus Hülsenfrüchten experimentiert, vier Jahre später stellte er die erste kochfertige Suppe aus Erbsen- und Bohnenmehl her. Im selben Jahr erfand er auch die Suppenwürze, die er „Bouillon Extract“ nannte. 1887 wählte er das unternehmerisch günstig gelegene Singen am Hohentwiel als ersten Produktionsstandort. Singen war ein Eisenbahnknotenpunkt und öffnete ihm den deutschen Markt mit guten Absatzchancen, ohne Abgaben am Zoll. Er begann mit sieben Arbeiterinnen, die die flüssige Würze fortan in die kantigen braunen Flaschen abfüllten, in denen sie auch heute noch verkauft wird. „Gütterli“ nannten die Einheimischen das Gefäß liebevoll, das Museum „Gütterli-Hüsli“ im ersten Abfüllgebäude auf dem Werksgelände erinnert noch heute daran. 

Als Adolf Schnurr 1943 mit knapp 14 Jahren seine Lehre begann, hatte die Firma längst expandiert und weitere Gebäude gebaut. Vom Chemielaboranten stieg er auf zum Assistenten der Fabrikationsleitung, später wurde er Leiter der Abteilung „Nasskonserven“ und blieb dort bis zu seiner Pensionierung. Mit der Produktion der Maggi-Würze hatte er nie unmittelbar zu tun. Und doch verteidigt er sie wie eine Löwenmutter ihre Kinder, wenn es um das sensible Thema „Glutamat“ geht. „Die können mir erzählen, was sie wollen“, entrüstet sich der 82-Jährige dann, „jeder kritisiert an etwas anderem rum und immer wieder werden die Anschuldigungen widerlegt.“ Schließlich könne er sich noch an die Zeit vor rund drei Jahrzehnten erinnern, in der Glutamat als intelligenzfördernd galt. „Es ist eine Tatsache, dass Glutamat ein Appetitanreger ist. Ich glaube aber nicht, dass das schädlich ist.“ Weil trotzdem viele Konsumenten der Harmlosigkeit des Geschmacksverstärkers misstrauen, sind inzwischen fast 80 Prozent der Maggi-Produkte frei von Glutamat.

Während die Maggi-Flasche heute – im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten – kaum noch auf einem Restaurant-Tisch zu finden ist, ist die Firma Maggi für Singen und seine Umgebung immer noch von großer Bedeutung. Zusammen mit dem Produkt- und Technologiezentrum beschäftigt die Mutterfirma Nestlé inzwischen 1100 Mitarbeiter in der Stadt. Mehr als 50 Auszubildende lassen sich jedes Jahr zum Lebensmitteltechniker, Betriebselektroniker, Industriemechaniker, Lagerlogistiker oder Koch ausbilden oder machen eine kaufmännische Lehre im Unternehmen. „Oft arbeiten mehrere Generationen einer Familie gleichzeitig im Unternehmen“, erklärt Werksleiter Wilfried Trah. Ein Teil von ihnen produzierte im Jahr 2010 mehr als 10,3 Millionen Kilogramm Maggi-Würze für ganz Europa, die sie in mehr als 33,8 Millionen Flaschen abfüllten. 19,2 Millionen Flaschen landeten auf dem deutschen Markt, wo jeder Haushalt im Durchschnitt 500 Gramm der braunen Würze verwendete. Mehr als 90 Prozent der Deutschen kann mit dem Firmennamen „Maggi“ etwas anfangen. Image-Untersuchungen belegen ein ums andere Mal, dass der Marke so positive Werte wie Wärme, Sicherheit, Wohlbehagen und Geborgenheit zugeschrieben werden – alles Attribute, die 1958 der deutsche Urlauber an der Adria auch mit Italien verband. 

Erschienen im Südkurier, Juli 2011

Jetzt neu

Hier abonnieren  oder als Einzelheft bestellen. Wir liefern Versandkostenfrei! Und auf Wunsch auch mit Prämie als Geschenk verpackt. 

 

Women's History Shop - Accessoires und Nützliches

Hier geht's zum Shop

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Bast Medien, Münsterstr.35, 88662 Überlingen